Ehrenämter als Stütze der Gesellschaft und der Kulturen – Burhan Akinci spricht

Oktober 9, 2010 Ehrenamt, Jugendlandtag

Auf dem dritten Jugendlandtag in Düsseldorf sticht ein junger SPD-Abgeordneter besonders ins Auge: Der 20-jährige Burhan Akinci ist gebürtiger Kurde und lebt in Bochum. Er fällt mit neuen Vorschlägen zum Thema Integration auf.

Von Sarah Holz

Burhan Akinci nimmt Stellung zum Thema Ehrenamt und Integration

Burhan Akinci nimmt Stellung zum Thema Ehrenamt und Integration


Als der SPD-Arbeitskreis am Freitagmorgen zur Diskussion über Ehrenämter zusammentritt, werden viele Vorschläge gemacht. Alle zielen darauf ab, Jugendliche in Zukunft zu motivieren, sich mehr für die Gesellschaft zu engagieren. Doch einer der Gruppe – braun gebrannte Haut, krauses, schwarzes Haar und dunkelbraune Augen – wirft einen vollkommen neuen Aspekt in die Debatte ein: „Ich finde es aber wichtig, dass auch Migranten Ehrenämter übernehmen“, sagt Burhan Akinci, Sprecher des SPD-Arbeitskreises „Arbeit, Gesundheit, Soziales und Integration“.

Gerade hat der 20-Jährige sein Abitur mit einem Durchschnitt von 1,0 bestanden und studiert jetzt Medizin im erstenSemester in Bochum. Nebenher plant er, die Gesellschaft durch ehrenamtliches Engagement zu verbessern und tritt bei den Fraktionssitzungen des Jugendlandtages unter anderem für junge Menschen mit Migrationshintergrund ein. „Der Jugendlandtag ist eine Möglichkeit, sich in die Länderpolitik zu integrieren.“ Es sei vor allem als Migrant wichtig, gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, sagt er.

Mit sechs Jahren kamen der gebürtige Kurde und seine Familie nach Deutschland „weil es die Umstände so ergeben haben“. Damals verstand Burhan kein einziges Wort Deutsch, doch durch seine Einschulung sowie den ständigen Kontakt zu deutschsprachigen Migranten überwand er schnell den tiefen Graben zwischen den scheinbar gegensätzlichen Kulturen. Sein Vater, Ökonom und Steuerberater, spricht selbst gut Deutsch, und auch seine Schwester Songül, die im achten Semester Jura studiert, hat sich vollständig integriert.

Dass bei Weitem nicht alle Migranten die Integration verweigern und, wie viele glauben, bildungsfern sind, betont der Abgeordnete des Jugendlandtages besonders. Seine ausländischen Freunde seien alle sehr gebildet und studierten ebenfalls.

Beim Thema Islam und Zusammenprall verschiedener Kulturen wird der Medizinstudent besonders ernst. „Man darf niemals seine Tradition und Kultur verleugnen“, sagt er. Burhan kann die Abwehrhaltung der Gesellschaft absolut nicht nachvollziehen. „Das finde ich traurig“, sagt er mit besorgter Miene. Für ihn stehen Toleranz, Akzeptanz und Respekt im Vordergrund.

Natürlich gebe es zahlreiche Probleme bei der Integration.

„Viele haben einfach keine gute Grundlage“, sagt Burhad. In der deutschen Gesellschaft sieht er das Problem auf beiden Seiten. Zum einen sei die Stütze des Staates zu schwach; anfangs habe niemand damit gerechnet, dass die Gastarbeiter nicht in ihre Länder zurückkehren würden. „Es ist eben eine ganze Kette von Problemen“, meint er, die dazu führten, dass sich die Migranten zum anderen nun immer weiter abschotten und in ihrer eigenen Welt leben, ohne sich der Gesellschaft zuzuwenden.

Besonders schlimm findet er, dass vor allen junge Migranten unter Vorurteilen leiden müssen: „Vorurteile sind das größte Problem bei der Integration.“ So erlebt er es in seinem Umfeld in Bochum. In der Berufswelt kritisiert Burhan die Vorurteile der Arbeitgeber: „Wenn auf dem Papier Jens oder Arne steht, werden die eher eingestellt als Murad oder Hassan.“ Er räumt aber auch ein, dass viele junge Ausländer Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Auch Burhan hat die Vorurteile der Gesellschaft zu spüren bekommen. Wenn er nebenbei seinen Abiturdurchschnitt von 1,0 erwähnt, glauben ihm viele nicht und sind erstaunt. Nach seinem Schulwechsel kommentierten sogar die Lehrer seine Unterrichtsbeiträge: „Woher weißt DU denn alles?“ Sein Freund Ilkan Gedik ist auch beim Jugendlandtag dabei: „Wir kennen uns seit 20 Jahren, wir sind quasi zusammen aufgewachsen.“ Der 20-jährige Ilkan kann Vorurteile nicht verstehen und bewundert seinen Freund: „Er hat richtig was drauf. Sonst hätte er kein Abi mit 1,0.“

In seiner Freizeit engagiert sich Burhan und unterrichtet jugendliche Ausländer, die Probleme mit der deutschen Sprache haben. „Ich denke, dass ich ein sehr hilfsbereiter Mensch bin“, sagt er mit einem Lächeln. Auch im SPD-Arbeitskreis auf dem Jugendlandtag macht er sich Gedanken zu dem Thema Ehrenämter. Sein Vorschlag: Migranten könnten sich für Migranten einsetzen. Dabei sei es wichtig, sagt Burhan, dass die älteren eine Vorbildfunktion für die jüngeren übernehmen und sie durch ihre eigenen Erfolge in der Integration zu motivieren. Er selbst geht mit viel Eigeninitiative voran. Burhan wünscht sich, dass die verschiedenen Kulturen in Harmonie nebeneinander existieren. Dass dies nur schwer zu erreichen ist, ist dem jungen Medizinstudenten klar: „Die Gesellschaft kann man nicht verändern, man kann nur einzelne Leute verändern“.

Weiterhin wurde im Arbeitskreis diskutiert, ob Jugendliche an Schulen verpflichtet werden sollen, für zwei Wochen ein soziales Praktikum zu machen. Die Mitglieder entschieden, darüber sollte jeder selbst entscheiden. „Freiheit geht vor allem, sonst werden die Schüler abgeschreckt. Die Schulen sollten sich eher bemühen, die Kinder über Ehrenämter zu informieren“, sagt Burhan. Ob jemand ein Ehrenamt übernimmt oder nicht – „Das ist eine individuelle Entscheidung“. Auf jeden Fall will er ein Ende der Islamfeindlichkeit erreichen. Menschen sollen erkennen, dass diese Religion in Wirklichkeit friedlich ist, sagt Burhan.

Damit genau das keine Utopie bleibt, wird er sich weiterhin für die Integration von jugendlichen Migranten einsetzen. Nachdem Burhan sein Studium beendet hat, möchte er Arzt werden und vielleicht noch Politik studieren. „Das halte ich mir noch offen.“

  • Share/Bookmark

Tags: , , , , , ,

Comments (1)

 

Kommentar eingeben