Grüne erkundet Politikerdasein auf Leopardensocke

Oktober 8, 2010 Jugendlandtag

Drei Tage lang schnupperten Jugendliche aus NRW in die Berufswelt der Landtagsabgeordneten hinein. Aber was sind das eigentlich für Menschen, diese Jugendvertreter? Ein Porträt.

von Marina Thomas

Judith h

„Ich will eigene Anträge stellen! Und wieso schreiben wir hier eigentlich nicht auf Ökopapier?“ Sie hat die Schuhe ausgezogen und spielt mit ihrem Zungenpiercing. Wenn Judith Häuser mit den Fingergelenken knackt, rasseln ihre Armbänder. Die kritischen Blicke scheinen sie nicht zu stören.

Judith Häuser (18) aus Köln ist eine von rund 180 Jugendlichen, die beim Jugendlandtag in Nordrhein-Westfalen ein Wochenende lang einen Abgeordneten vertreten. In dieser Zeit diskutiert sie als Grünenpolitikerin mit anderen politisch interessierten Jugendlichen aus ganz NRW.

Viele Jugendvertreter tragen Anzug und Krawatte oder Kostüm und weiße Bluse mit schwarzen Lederschuhen. Judith dagegen trägt einen Schal mit Leopardenmuster und sogar passende Leopardensocken. Jedenfalls an einem Fuß. Die andere Socke ist blau. Ihre platinblonden Haare hat sie an der rechten Seite kurzrasiert, die Augen schwarz geschminkt.

Judith Häuser traut sich, den Mund aufzumachen und unverblümt ihre Meinung zu sagen. „Wat? Das ist doch scheiße! Das würde ich komplett anders machen!“, ruft sie dazwischen, während der Arbeitskreis der Grünen zum Thema Europa über einen Antrag zur Förderung des europäischen Gemeinschaftsgedankens diskutiert. Gut kommen die klaren Wort nicht immer an. Eine andere Abgeordnete sagt im Vorbeigehen: “Ich war bei den Grünen, da wurde sogar ‘scheiße’ gesagt, da ging das nicht so gesittet zu.”

„Total furchtbar“ findet Judith, dass man den Jugendlichen pauschal nachsagt, sie seien desinteressiert oder gleichgültig. Natürlich interessiere sie sich für Politik, Politik sei ein Lebensinhalt.

Beim dritten Jugendlandtag in Nordrhein-Westfalen vertritt Judith den Abgeordneten Horst Becker von den Grünen. Sie teilt zwar viele grüne Positionen, würde sich aber nicht als grün bezeichnen. Judith gehört auch keiner Partei an, weil sie sich mit keiner identifizieren kann.

Als sie noch zur Schule ging, engagierte Judith sich besonders in der Bezirks- und LandesschülerInnenvertetung und war außerdem regelmäßig bei Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und bei Bildungsstreiks dabei. Bildungspolitik, die Bundeswehr und Integration, das sind die Themen, die sie am meisten interessieren. „Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich die Bundeswehr sofort aus sämtlichen öffentlichen Einrichtungen verbannen, gerade in der Schule hat das Militär nichts zu suchen.“

Für Judith ist der Jugendlandtag eine „super Plattform“, um sich mit anderen auszutauschen und auch einmal mit Menschen zu diskutieren, mit denen sie privat nichts zu tun hat und die ganz andere Positionen vertreten. „Ich habe mit JuLis über Wirtschaft diskutiert und mit CDUlern über Integration, das waren echt interessante Blickwinkel.“

Dass die Jugendlichen beim Jugendlandtag die Antragsvorschläge vorgegeben bekommen, findet Judith ziemlich undemokratisch: „Man sollte frei in der Themenwahl sein und seine eigenen Ideale vertreten dürfen.“ Die Teilnehmer des vergangenen Jugendlandtags schlagen Themen für das Folgejahr vor und bereiten Anträge vor, um Zeit einzusparen. Auch die Auswahl der Jugendlichen findet Judith nicht angemessen. Man bewirbt sich direkt bei den Abgeordneten und die suchen sich ihren Vertreter aus. „Demokratisch ist das nicht.“ So komme es, dass keine Hauptschüler und noch nicht einmal Realschüler im Jugendlandtag vertreten seien, meint sie. Stattdessen diskutierten all die „mit den richtigen Eltern Gesegneten“ über Probleme, die sie nicht kennen würden, findet Judith. Sich selbst kann sie da auch nicht ausschließen, auch sie ist über Kontakte zum Jugendlandtag gekommen. Eine befreundete Organisatorin hatte sie gefragt. Man müsse direkt an die Schulen gehen, sagt Judith, um den sozialen Filter auszuschalten. Außerdem bedauere sie, dass sie ihren Abgeordneten gar nicht zu Gesicht bekam.

Politikerin möchte sie später nicht werden, das sei nicht so ihr Ding, sagte Judith. Mitmischen ja, aber auf keinen Fall als Berufspolitikerin: „Ich bekäme Depressionen, wenn ich eine Woche lang hier säße!“ Nach ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) hat sie vor, eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin zu machen.

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